AAA | Drucken

 

Geschichte der Kunstkammer

Musiktisch, Sebastian Rottenburger, 1599

Kunstkammer der Herzöge von Württemberg

Die Geschichte der Kunstkammer

Die Kunstkammer der württembergischen Herzöge ist gewissermaßen das Herz des Landesmuseums. Die im Lauf von mehreren Jahrhunderten zusammengetragenen Kunstwerke sind eng mit den Persönlichkeiten der Herrscher verknüpft.

Als in der Regierungszeit Herzog Friedrichs I. von Württemberg (reg. 1593 bis 1608) erstmals schriftliche Quellen eine herzogliche Kunstkammer in Württemberg erwähnten, verfügten die großen europäischen Höfe der Habsburger und der Wittelsbacher sowie auch die Herzöge von Sachsen schon seit mehreren Jahrzehnten über kostbare Sammlungen. Herzog Friedrich I. bemühte sich, offensichtlich angeregt durch seine Reisen an zahlreiche Fürstenhöfe, wo er auch die Kunstkammern besuchte, Kunstwerke, Münzen und exotische Objekte zu erwerben. Die Grabungen, die er in seiner Herrschaft Mömpelgard veranlasste, zeugen vom Interesse des Herzogs an antiken Gegenständen. Unter Friedrichs I. Sohn, Johann Friedrich (reg. 1608 bis 1628), der an seiner Stuttgarter Residenz eine besonders aufwendige Hofhaltung pflegte, erlebte die Kunstkammer eine Blütezeit. Wie sein Vater vermehrte Johann Friedrich den Bestand durch zahlreiche Ankäufe, wobei er kunstvolle Steinschnittgefäße und Elfenbeinarbeiten bevorzugte. Als der Herzog anlässlich der Tauffeierlichkeiten für seinen Sohn Friedrich im Jahr 1616 persönlich seinen Gästen die Schätze präsentierte, bezeichnete er damit die zentralen Funktionen der Kunstkammer als Medium der Kommunikation und der fürstlichen Repräsentation.

Während des Dreißigjährigen Krieges erlitt die Kunstkammer große Verluste. Nach der Schlacht von Nördlingen im Jahr 1634 und während der folgenden vierjährigen Besetzung des Landes wurde der Kunstbesitz der württembergischen Herzöge großenteils von den siegreichen habsburgischen und bayerischen Truppen weggeführt. Herzog Eberhard III. (reg. 1633 bis 1674) musste zudem in angespannter finanzieller Lage verbliebene Teile der herzoglichen Kunstschätze veräußern, so dass nach den kriegerischen Unruhen nur noch ein bescheidener Bestand der Kunstkammer verblieb. Erst die Erbschaft des Kammermeisters Ludwig Guth von Sulz, der seine umfangreiche Sammlung dem Herzogshaus vermacht hatte, brachte im Jahr 1654 einen nennenswerten Zuwachs für die Stuttgarter Kunstkammer. Mit dem Zugang dieses Erbes wandelte sich allerdings der bisherige Charakter der repräsentativen herzoglichen Sammlung kostbarer Werke, denn die Sammlung des Kammermeisters Guth von Sulz hatte mit ihren großen Konvoluten von Gemmen, Münzen und Naturalien eine weniger prachtvolle, dafür stärker wissenschaftliche Ausrichtung. Herzog Eberhard III., der zunächst Interesse für das Sammeln von Münzen und Nachbildungen von Antiken zeigte, übergab in seiner späten Regierungszeit einen wesentlichen Teil seines persönlichen Kunstbesitzes an die Kunstkammer. Durch Ankäufe und Aufträge an auswärtige Künstler mehrte Eberhard III. zudem vor allem die Bereiche der Gemälde und des Steinschnitts. Wie an anderen Höfen seit der Mitte des 17. Jahrhunderts zu beobachten, betrieb auch Herzog Eberhard III. eine Systematisierung der Sammlungsbestände. Die nach Sammlungsgruppen geordneten Inventare belegten nun die Neuaufstellung der als Pretiosen, Naturalien, Exotika, Gemälde und technischen Instrumente gefassten Bereiche.

Die anhaltende Tendenz zur Systematisierung und Verwissenschaftlichung der Kunstkammer belegt auch die Tätigkeit des besonders in den Naturwissenschaften qualifizierten Antiquars Johann Schuckard, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein Inventar anlegte, das detailliertere Beschreibungen der Objekte und ihrer Standorte bot, als die Inventare seiner Vorgänger. Das Schuckardsche Inventar verweist schon auf die Verlagerung der Sammlungsinteressen der Herzöge Eberhard Ludwig (reg. 1693 bis 1733) und Carl Alexander (reg. 1733 bis 1737). Dieser ließ die Ludwigsburger Gemäldegalerie als eine neue Form fürstlicher Repräsentation im Kontext absolutistischer Schlossarchitektur anlegen.

Während die Fürsten einerseits aufwendige Schlossbauten errichteten, wandelten schon vor der Mitte des 18. Jahrhunderts einige fürstliche Sammler in Kassel, Braunschweig und Dresden ihre Kunstkammern in öffentlich zugängliche Schau- und Lehrsammlungen um und errichteten eigene Gebäude für Kunst-, Münz- und Naturalienkabinette. Für die württembergische Kunstkammer lassen sich für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts in den mehrfachen räumlichen Verlagerungen und den Differenzierungen der Sammlungsbereiche veränderte Identifikationen der Herzöge mit den Sammlungen erkennen. Während nur noch wenige Zugänge in die Kunstkammer gelangten, wurden zahlreiche Gemälde und Kupferstiche aus ihren Beständen an das Ludwigsburger Schloss übermittelt. Seit den 1780er Jahren wurden zunächst die Bestände des Naturalien-, später des Münzkabinetts an die Stuttgarter Hohe Carlsschule verbracht, wo sie als Lehrsammlungen dienten.

König Wilhelm I. von Württemberg (reg. 1816 bis 1864) löste die Sammlungen aus der Hofverwaltung und veranlasste die Eingliederung in die Staatsverwaltung. Die von Münz- und Naturalienkabinett getrennte Kunstsammlung wurde als „Königliches Kunstkabinett“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 1886 wurde die Kunstkammer der 1862 gegründeten Staatssammlung vaterländischer Altertumsdenkmale als gesonderter Bestand übergeben. Nach dem Ende der Monarchie ging die Kunstkammer 1927 in Landesbesitz über.

Die digitale Veröffentlichung aller überlieferter Kunstkammer-Objekte im Bestand des Landesmuseums Württemberg erfolgt sukzessive und ist im Digitalen Katalog abrufbar. Darüber hinaus wird die Transkription der Kunstkammerinventare von Johann Schuckard aus dem frühen 18. Jahrhundert online zur Verfügung gestellt.

Die Kunstkammer im Digitalen Katalog

Mehr über die Kunstkammer

Sammlung Kunstkammer und Kronschatz

Sammlungskern des Landesmuseums Württemberg


mehr

Kunstkammer

DFG fördert Kunstkammerforschung


mehr